Schönheitsideal Mittelalter Mann

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Wie stelle ich mich dar? Wie inszeniere ich mich? Die Ausstellung „Die Gesichter der Renaissance“ widmet sich der Kunst des Porträts. Das Gesicht spielt bereits im frühen 15. Jahrhundert eine zentrale Rolle. Das ist auch heute nicht anders. Über fünfhundert Jahre liegt die italienische Renaissance nun zurück. Dabei ist diese Ausstellung moderner, als mancher denken würde. Da lassen sich einige interessante Dinge entdecken.

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Datei:Albrecht Dürer 3

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Unsere These: Dem Porträt der schönen Italienerin entspricht dem heutigen IT-Girls der Hochglanzmagazine. Motto: Selbstdarstellung geht über alles. Die gute Nachricht für Frauen mit betont kunstmuffeligen Männer: die Ausstellung ist absolut männerkompatibel.

So viel Schönheit und weibliche Grandezza gibt es eher selten zu sehen. Die Frauen werden erstaunt sein, wie lange Männer es in Museen aushalten können. Da muss man dem Liebsten nur die tolle Simonetta Vespucci mit den blonden Locken vor die Nase halten, und er wird hin und weg sein.

„Sieht aus wie Julie Delpy“, schwärmte da gerade ein Kollege. Ok, der Mann hat recht. Wer blond nicht mag? Kommt weniger auf seine Kosten. Das Schönheitsideal der Renaissance lag eindeutig auf diesem nordischen Typus.

Zucht und Ordnung in der Renaissance? Respekt vor dem Papst? Von wegen, schon im 15. Jahrhundert ging es drunter und drüber. Es war durchaus normal, dass die Männer sich ihre Mätressen zulegten, nicht nur eine und nicht die hässlichsten, wie man in der Ausstellung bestens studieren kann.

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Die Fürsten gaben öffentlich die Porträts ihrer Gespielin in Auftrag. Die betrogenen Gattinnen dürften sich die Bildnisse dann noch im Flur oder in der Loggia angucken. Offene Ehe würde man das heute wohl nennen.

Das eindeutig schönste Bildnis einer sehnsüchtigen Affäre hat wohl Leonardo da Vinci gemalt. Seine „Dame mit Hermelin“ ist eine atemberaubende Hommage an die Schönheit der jungen Cecilia Gallerani, die damals gerade 17 Jahre alt war. Sie hatte für einige Jahre ein Verhältnis mit dem Mailänder Herzog Signore Ludovico Sforza, kurz Moro genannt.

Bald ist es so, als hätte sich Leonardo selbst in das Mädchen verliebt. Sie war nicht nur schön, sondern auch klug, sprach fließend lateinisch. Ihr Gesicht ist von einer himmlischen Ebenmäßigkeit, die Haut makellos. Doch die Dame ist auch ziemlich kokett. Sie dreht sich, guckt offen und kokett aus dem Bild heraus. Guckt sie zu ihrem Geliebten? Hört sie ihm zu?

Leonardo, ein Meister der Inszenierung, wusste genau mit dieser rätselhaften Spannung zu spielen. Dem Mailänder Herzog wird es wohl gefallen haben. Egal, irgendwann musste Cecilia den Hof verlassen. Ein Zickenkrieg mit der Ehefrau ließ sich nicht vermeiden. Auch nicht schlecht, die Geliebte bekam als Entlohnung immerhin einen schönen Palazzo.

Nun ja, Schönheit hat nicht unbedingt etwas mit Erotik zu tun. Wer sich abbilden lässt, will attraktiv sein, im besten Falle wird nachgeholfen. Heute mit Retusche bei der Abbildung oder Botox und irgendwelchen Anti-Falten-Injektionen im Gesicht.

Auch in der Renaissance mochten sich die Damen und Herren nicht mit Falten zeigen, da half nur die künstlerische Idealisierung der Person. Auch Pinsel können lügen. Der Florentiner Genius Sandro Botticelli scheint die Erotik in der Malerei erfunden zu haben.

Vor seinen Bildnissen der Simonetta Vespucci kann man wirklich niederknien. Sie galt in Florenz nicht nur als die schönste Frau der Stadt, sondern wurde in etwa so verehrt wie bei uns ehemals Diana als Königin der Herzen.

Freilich gab es für die Porträts gewisse Konventionen, die eng mit dem gesellschaftlichen Status des Dargestellten zusammenhingen. Das ist heute nicht anders. Top-Fashion war in der Renaissance: ein schmaler Mund, eine hohe Stirn, die mit Schwung in die gewölbte Nase überging, ein schlanker Hals und bevorzugt blonde Locken, Flechten oder Hochsteckfrisuren.

Nicht zu vergessen ist die weiße, makellose Haut. 36 Zentimeter-Taillen waren angesagt, da müssen die armen Ladys reihenweise umgekippt sein. Aber wenn man das Magersuchtsphänomen in den europäischen Königsfamilien anschaut, – Beispiel Letizia – so sind wir nicht weit davon entfernt.

Kommen wir jetzt endlich zu den Männern. Auch sie haben etwas zu bieten in der Schau. Sie müssen, anders als die Frauen, vor allem repräsentieren: Macht, Einfluss, Familientradition. Irgendwie streng schauen sie in die Welt, ist ja auch nicht leicht.

Dennoch betrieben sie durchaus Körperkult. Erkennungszeichen: schmale, rosige Lippen, gezupfte, geschwungene Augenbrauen, längere, gestylte Haare, gepflegte, bartlose Gesichtshaut. Attribute, die wir heute metrosexuell nennen. Der „neue“ Mann lebt seine weibliche Seite aus, steht aber trotzdem auf Frauen. Und kommt damit ungemein gut an. Wahrscheinlich haben das die alten Italiener immer schon gewusst.

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