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Rokoko Schönheitsfleck

Rokoko Schönheitsfleck

Was für eine Enttäuschung: Die schönste Frau der Welt schielt. So hat der Düsseldorfer Künstler Hans-Peter Feldmann das Idol ganzer Generationen, die Ikone aus altägyptischer Zeit interpretiert.

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Die Replik der weltberühmten Büste der Pharaonengattin Nofretete ist zur sexy Pop-Queen verfremdet, mit lila Lidschatten, knallrotem Kussmund und dem Schönheitsfleck der Rokoko-Damen auf der Wange.

Diese Karriere seines einfachen Werkstattmodells, von Museumschefin Sylvia Schoske spöttisch ein „Durchschnittsobjekt“ genannt, das vor 3000 Jahren entstanden war, hatte sich der anonyme Meister vom Nil sicher nicht träumen lassen. Doch seine Nofretete hat längst den Weg ins Museum gefunden und bildet eine absolute Touristenattraktion in Berlin.

In München fungiert ihr Double mit ironischem Hintersinn als „Fallbeispiel“ in der ersten Sonderausstellung des Museums Ägyptischer Kunst. Denn an ihr soll gezeigt werden, wie sich ein Werk auf dem langen Weg vom Atelier des Künstlers über die jeweilige Präsentation im Museum bis zur Wahrnehmung durch Besucher verändert.

Der erste Themenkreis widmet sich westlichen Arbeiten, die von ägyptischen Kunstwerken angeregt wurden, ja die sogar als Vorbilder dienten. Anschließend wird das Schicksal der Werke im Museum thematisiert, die durch die Interpretation von Kuratoren und die Kontextualisierung durchaus manipuliert werden können.

Die dritte Fragestellung beschäftigt sich mit dem Problemkreis, was mit einem Objekt geschieht, wenn es auf Publikum stößt. Diese Entwicklung mit all ihren Verwerfungen bildet den konzeptionellen Überbau des Projekts, das ein junges deutsch-libanesisches Kuratorenteam erarbeitet hat.

Doch eigentlich hätte es der ambitionierten Theorie hinter der wunderbaren Präsentation überhaupt nicht bedurft, die sich bei ihrer Titelgebung nicht entscheiden konnte.

„Tea with Nefertiti“ hieß sie an ihrer ersten Station, dem Mathaf-Museum in Doha, der Hauptstadt von Katar, und änderte sich auf der Reise über Paris und Valencia nach München zu „Nofretete – tête à tête. Wie Kunst gemacht wird“.

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Der Spruch stammt vom österreichischen Dichter Alexander Roda Roda, der – ohne die französische Aussprache zu beachten – diese Zeile eines schütteligen Reims bei der Betrachtung „Wie moderne Kunst entsteht …“ gefunden hatte.

Nofretete ist das beste, weil populärste Beispiel dafür, wie sich Generationen nachfolgender Künstler ein Werk aneignen, es zur Inspiration nutzen, kopieren oder in neuen Kontext stellen. An ihr lässt sich nicht nur der Wandel des europäischen Ägyptenbilds im 19. Jahrhundert begutachten, ja die makellose Schönheit steht auch als Symbol für Profanisierung von Kunst.

Immer wieder wurde sie für kunstferne Zwecke instrumentalisiert, für westlichen Imperialismus ebenso wie für politische Ziele der arabischen Welt – oder den modernen Tourismus. So fand sich in einer Berliner Tageszeitung der einprägsame Satz: „Berlin ist, wenn die schönste Bewohnerin Migrationshintergrund hat“.

Diese Aspekte thematisierten besonders zeitgenössische Künstler: Beispielsweise ist eine Installation aus lindgrünen Nähmaschinen zu sehen, die zu Präsident Gamal Abdel Nassers Zeit entstanden waren und mit dem Konterfei der nationalen Attraktion warben. Ganz zu schweigen von Reklame zwischen Bier und Zigaretten.

Der Frage, was geschieht, wenn ein Objekt Kultstatus erlangt hat, gingen zwei ungarische Künstler nach. Sie zeigten Nofretetes Körper auf einem Video kopflos, während im Hintergrund ihr Haupt geputzt und für einen einzigen Moment auf den Rumpf gesetzt wird. Doch die Fantasie ergänzt blitzschnell den fehlenden Teil.

Das Sensationelle dieser Ausstellung, die als erste in einem arabischen Land diese europäischen Kunstwerke präsentierte, ist jedoch das natürliche Neben- und Miteinander altägyptischer und moderner Kunst. Sie wurden so geschickt in die Dauerpräsentation integriert, dass man oft erst auf den zweiten Blick die Jahrtausende dazwischen wahrnimmt.

Das bestätigt die Botschaft des Neonschriftzugs des italienischen Künstlers Maurizio Nannucci, der fest installiert die Besucher am Treppenabsatz in die Museumsunterwelt empfängt: „ALL ART HAS BEEN CONTEMPORARY“ („Jede Kunst war einmal zeitgenössisch“).

Hinter diesem Spruch steht das Konzept der Museumsleiterin Schoske, die sagt: „Das Ägyptische Museum hat schon immer den Kontakt zu anderen Künsten gesucht – jetzt arbeiten wir uns programmatisch an dieser Idee ab.“

Deshalb begegnet man auf dem spannenden Parcours zwischen alten Exponaten zum Beispiel einem Bild des Malers Kees van Dongen neben einem Relieffragment. Und ist erstaunt, dass der Niederländer einen „ägyptischen Kubismus“ pflegte, bei dem eine Frauenfigur gleichzeitig frontal und im Profil dargestellt ist.

Derselbe Effekt stellt sich vor einer Zeichnung Modiglianis ein, die wie die Skizze des danebenstehenden Kopfes wirkt. Noch frappierender die Verwandtschaft einer Skulptur Giacomettis, die sich kaum von der Granitstatue des ägyptischen Priesters daneben unterscheidet. Bei Paula Modersohn-Beckers Selbstporträt weiß man, dass sie von einem Band mit Mumienporträts inspiriert worden war.

Erstmals begegnet man in einem deutschen Museum auch zeitgenössischen Künstlern der arabischen Welt, die sich kritisch mit ihrem Erbe auseinandersetzen. Vik Muniz schuf eine aktuelle Version der traditionellen Grablegung in Plastik: den Tupperware-Sarkophag, ein gespenstisches Werk für die Ewigkeit.

Die Künstlerinnen J & K haben sich selbst im „Horus und Anubis“-Outfit Tee trinkend in einen typischen Kairoer Basar gesetzt. Nida Sinnokrots Rauminstallation „K“, das als Schriftzeichen „Seele“ bedeutet, besteht aus riesigen Baggerschaufeln in Gelb und Rot, deren Schattenbilder auf der Wand in Arme verwandelt werden, die sich gen Himmel recken – dahinter koptische Reliefs mit Auferstehungsmotiven.

Auch der wichtigste Vertreter der ägyptischen Moderne, Bildhauer Mahmoud Moukhtar, ist mit mehreren archaisierenden Skulpturen vertreten, die ganz offensichtlich auf pharaonische Vorbilder zurückgreifen.

Zum Thema „Museale Präsentation“ hat sich Mohamad-Said Baalbaki etwas Originelles einfallen lassen: Er inszenierte ein „naturwissenschaftliches Kabinett“, in dem buchstäblich alles Fake ist: vom Skelett eines geflügelten Pferdes des Propheten Mohammed bis zu falschen Vitrinenstücken und fingierten Dokumenten.

Damit hinterfragt er subversiv die Rezeptionsmechanismen des Betrachters, der alles für bare Münze nimmt, was ihm als wertvolles Schaustück verkauft wird.

Das gilt auch für ein Objekt von Ai Weiwei, der einen Kopf mit dem Coca-Cola-Schriftzug verzierte – was prompt die Versicherungssumme von 100.000 auf 500.000 Euro hochschnellen ließ. Auf diese Weise werde, so Dietrich Wildung, der ehemalige Herrscher über die ägyptische Kunst in Berlin, „das Museum zur Geld generierenden Institution“.

Dazu die beiden Kuratoren Sam Bardaouil aus Beirut und Till Fellrath aus München: „Klassifizierungen werden nicht von Künstlern gemacht, aber sie beeinflussen wahnsinnig den Betrachter.“

Deshalb stellt Candida Höfer auf ihren Großaufnahmen von Museumsräumen auch gleich einzelne Besucher vor Kunstwerken ins Zentrum ihrer Bildfindungen, während das Duo Gilbert & George auf Wandtafeln Statements zum Islam zum Besten gibt.

Der südafrikanische Videokünstler William Kentridge schlüpft selbst in die Rolle eines Museumsmitarbeiters: Emsig ordnet und wertet er einzelne Stücke und fragt, ob Kunst nicht eigentlich dort hingehört, von wo sie zu uns gekommen ist.

Womit das ganze Konzept provokant in eine neue Dimension gedreht wird.

„Nofretete – tête à tête“, Staatliches Museum Ägyptischer Kunst München, bis 7. September

James Warnock

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