Jugendamt Oldenburg Frau Schöne

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Oldenburg447 Tage. So lange ist es jetzt her, dass Paul R. seinen Sohn zum letzten Mal gesehen hat. 10 728 Stunden. 643 680 Minuten.

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SOZIALES OFENERDIEK: Patienten Zeigen Sich Großzügig Jugendamt Oldenburg Frau Schöne

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Vor 447 Tagen hatte er Simon morgens zum Kindergarten gebracht, so wie fast jeden Tag. Danach war er zur Arbeit gefahren; Paul ist Drucker. Als er nach Feierabend zurück nach Hause kommt, ist Simon weg, ebenso wie Simons Mutter, Pauls Lebensgefährtin.

Paul braucht eine Weile, um herauszufinden, was geschehen ist: Seine Lebensgefährtin ist mit dem Kind in ein Frauenhaus gegangen. Dort hatte sie gesagt, dass Paul gewalttätig sei. Er habe seinen kleinen Sohn gewürgt und mit heißem Wasser übergossen. Simon ist drei Jahre alt. Er habe Angst vor seinem Vater, sagt die Mutter.

„Das ist nicht wahr“, sagt Paul (38). Genau genommen sagt Paul das nicht, er zeigt es: Er ist gehörlos, kann weder sprechen noch hören. Paul ist es gewöhnt, andere Menschen mitunter nicht zu verstehen.

Jetzt versteht er die Welt nicht mehr.

Die Frauenhaus-Mitarbeiter fordern Paul auf, die gemeinsame Wohnung zu verlassen. Er zieht zu seinen Eltern. Lange Gespräche mit dem Jugendamt beginnen, Schlichtungsversuche. Die Terminierung ist kompliziert, es muss ja immer ein Gebärdendolmetscher dabei sein. Die Schlichtungsversuche scheitern, Paul erhält einen Rat: „Sie sollten sich einen Anwalt nehmen.“

Paul nimmt sich eine Anwältin, Ursula Rohr aus Oldenburg. Frau Rohr beantragt für ihren Mandanten den Umgang mit seinem Sohn.

Im Bürgerlichen Gesetzbuch, Paragraf 1684, Absatz 1, steht: „Das Kind hat das Recht auf Umgang mit jedem Elterteil; jeder Elternteil ist zum Umgang mit dem Kind verpflichtet und berechtigt.“

Paul hat seinen Sohn seit 169 Tagen nicht gesehen, als das Familiengericht gemäß Paragraf 1684 feststellt: „Der Vater hat grundsätzlich das Recht, mit Simon den Umgang zu pflegen.“

Das Gericht stellt zudem fest: Eine schnelle Kontaktaufnahme entspreche dem Kindeswohl. Simon habe sich im Gespräch „unbefangen“ gezeigt, als es um das Wiedersehen mit dem Vater ging. Hinweise auf Gewalttätigkeit habe man keine gefunden.

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Das Gericht ordnet den „begleiteten Umgang“ von Vater und Sohn an fünf Terminen an.

Simons Mutter legt Beschwerde ein.

Paul hat seinen Sohn seit 232 Tagen nicht gesehen, als das Oberlandesgericht Oldenburg (OLG) die Beschwerde der Mutter zurückweist.

Als das OLG Paul Recht gibt, sind bereits vier der fünf Termine verstrichen. Zweimal heißt es, Simon sei krank. Einmal nimmt er an einem Kindergartenausflug teil, ein anderes Mal fällt die Dolmetscherin aus. Einen Termin lässt die Mutter unentschuldigt verstreichen, dafür wird ihr später ein Ordnungsgeld von 500 Euro auferlegt. Nachholtermine für die fünf entfallenden Termine gibt es nicht; im Gerichtsbeschluss fehlt eine entsprechende Klausel.

Pauls Anwältin schickt ihm einen Vermerk über das Gespräch des Oberlandesgerichts mit seinem Sohn zu. Darin steht, dass Simon „leuchtende Augen“ gehabt habe, als er nach seinem Vater gefragt wurde. Dass er sich freuen würde, seinen Vater einmal wiederzusehen. Dass er gern ein Buch mit ihm lesen würde, am liebsten ein Krakenbuch. Paul war mit Simon immer gern ins Aquarium gegangen. Als Paul das liest, hat er seinen Sohn bereits seit 249 Tagen nicht mehr gesehen.

Noch mehr Post, eine Notiz vom Jugendamt: „Die von der Kindesmutter erhobenen Gewaltvorwürfe gegen den Kindesvater konnten sich weder im Gespräch noch innerhalb der Anhörung zum Umgangsverfahren bestätigen.“

Das Familienrecht ist in den vergangenen Jahren immer väterfreundlicher geworden. 2009 rügte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte das deutsche Kindschaftsrecht, das ledige Mütter gegenüber Vätern bevorzuge. 2010 folgte das Bundesverfassungsgericht dieser Einschätzung und erklärte die geltende Regelung für verfassungswidrig. 2013 macht der Gesetzgeber die gemeinsame elterliche Sorge zum Regelfall.

Aber als Simon geboren wurde, war das anders. Paul sagt: „Ich habe es versäumt, das gemeinsame Sorgerecht zu beantragen.“ Vielleicht hatte ihm niemand gesagt, wie so etwas geht, vielleicht hatte er es nur nicht gehört. Das Sorgerecht für Simon ging jedenfalls an Simons Mutter, ein Automatismus.

Weil es mit dem Umgangsrecht nicht vorangeht, beantragt Paul auch das alleinige Sorgerecht für Simon. Er möchte endlich wieder da sein für seinen Sohn!

Paul beantragt die Herausgabe seines Sohnes. Das Familiengericht teilt ihm mit, dass eine Herausgabe nicht beschlossen werden kann, weil Paul R. nicht der Sorgerechtsinhaber sei. Der Kalender teilt ihm mit: 286 Tage.

292 Tage, nachdem Paul seinen Sohn zuletzt gesehen hat, stellt das Familiengericht bei Simon eine „Veränderung der Haltung zum Vater“ fest. Es drohe eine „Entfremdung“, die „unverzüglich“ aufgehoben werden müsse.

Das Gericht wendet nun einen Kniff an: Es bestellt einen Pfleger, der den Umgang Simons mit seinem Vater unabhängig von der Mutter regeln soll. Für die Dauer dieser Kontakte entzieht das Gericht der Mutter vorübergehend das Umgangsrecht.

Die Mutter legt Beschwerde ein, das Oberlandesgericht gibt der Beschwerde statt: Eine solche Regelung sei aus Rechtsgründen nicht zulässig. Es ist der 8. September 2014, Paul hat Simon seit 346 Tagen nicht gesehen.

Es geht weiter. Eine Beschwerde gegen das Ordnungsgeld von 500 Euro. Und weiter. Ein Antrag auf Bewilligung von Verfahrenskostenhilfe. Und immer weiter.

In ihrem Büro in Oldenburg-Eversten sitzt Pauls Rechtsanwältin Ursula Rohr und wundert sich. Sie sieht ein „Dilemma der Gesetze, die für beide gelten“: Im Grunde verhalten sich alle Beteiligten hier juristisch korrekt – und trotzdem sieht ein Vater 447 Tage lang sein Kind nicht.

Eine Liebe zerbricht und mit ihr jede Kommunikation. Der Vater sagt: Ich verstehe es nicht. Die Mutter äußert sich nicht zum Fall.

Es gibt so viele Scheidungsstudien. Sie erzählen vom Leid der getrennten Väter. Von Kindern, die die Trennung von einem Elternteil wie einen Trauerfall empfinden.

Es gibt den Kinderschutzbund, der Eltern drängt: „Vergesst eure Rechte – es geht um die Rechte eures Kindes!“

Es gibt die Gesetze, die fast alles berücksichtigen: die Bedürfnisse des Kindes. Die Ängste der Mutter. Die Rechte des Vaters. Nur eines nicht: dass der Rechtsweg sehr lang werden kann, wenn alle rechtlichen Bestimmungen angewendet werden.

„Vielleicht“, überlegt Anwältin Rohr, „sind unsere Gesetze falsch herum. Der Umgang mit dem Kind müsste der Regelfall sein. Und nicht der, der den Umgang will, müsste einen Antrag stellen, sondern der, der den Umgang verhindern will.“

Aber was ist, wenn das Kind auch hier vor den Umgangsterminen krank wird? Einen Kindergartenausflug hat? Dem Termin einfach fern bleibt? Theoretisch kann Letzteres mit Ordnungsgeld von bis zu 25 000 Euro und sechs Monaten Ordnungshaft bestraft werden. Praktisch sind 500 Euro schon sehr viel.

Zuletzt hörte Paul vor Gericht, Simon habe gesagt: „Papa ist böse.“

Dann plötzlich: ein Hoffnungsschimmer. Die Mutter sendet Signale der Gesprächsbereitschaft. Es gibt Termine für eine Mediation. Paul wird ein erstes Treffen mit Simon in Aussicht gestellt, vielleicht schon nächste Woche.

Paul ist sehr nervös. Wie wird Simon auf ihn reagieren? Will er das Krakenbuch angucken? Oder wird er Angst haben vor seinem Vater?

Er hat ihn dann ja 453 Tage nicht gesehen. 10 872 Stunden. 652 320 Minuten. Eine Ewigkeit.

Namen geändert

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Berges